Berliner Verkehrspolitik im Leerlauf: Warum Stillstand das Taxigewerbe prägt
Nach Analyse der Berliner Zeitung steht die Verkehrspolitik der Hauptstadt seit 2023 faktisch still: keine neue Tramstrecke, kaum neue Radwege, keine neuen Straßen.
Lars Winkelmann·aktualisiert 19. September 2026

Stillstand als Programm: Was die Berliner Verkehrspolitik dem Taxigewerbe offenbart
Diese Bilanz fällt ausgerechnet in den laufenden Wahlkampf zum Abgeordnetenhaus – und sie ist auch für Hamburgs Taxigewerbe mehr als ein Hauptstadtthema, denn sie zeigt, wie politische Indolenz bei der Mobilität die Geschäftsgrundlage des Gewerbes verändert.
Rhetorische Poller, keine Antworten
Die Berliner Zeitung dokumentiert eine bemerkenswerte Leere der Wahlprogramme. Die CDU wirbt mit dem Slogan „Gegen die Pollerisierung", die Grünen beschränken sich auf „Schluss mit dem Gegurke. Zuverlässige Öffis", die Linken fordern „Bus & Bahn Preise runter". Was dabei systematisch ausgeblendet wird: Die strukturelle Unterfinanzierung der BVG – chronische Verspätungen, Ausfälle, Personalmangel – bleibt ungeklärt. Der Vorwurf, dass seit 2023 „fast nichts passiert" sei, richtet sich gegen die gesamte politische Klasse, nicht allein gegen den Senat.
Dass die Tariffrage derzeit das dominante Kampagnenthema ist, lenkt vom Kern ab. Schüler fahren in Berlin bereits kostenfrei, Stammkunden zahlen dank Deutschlandticket weniger als früher – die Preise sind nicht der Hebel, an dem Verspätungsquoten und Ausfallraten hängen. Nach Daten der Süddeutschen Zeitung ist das Fahren mit Bus und Bahn in Berlin gleichwohl deutlich teurer geworden. Genau diese Gemengelage aus Preisauftrieb und Leistungsverfall treibt Berufstätige ins Homeoffice oder in alternative Verkehrsmittel.
Was das für das Hamburger Gewerbe bedeutet
Wenn der ÖPNV in einer Millionenstadt dauerhaft seine Funktion verliert, springt nicht das eigene Auto, sondern das Taxi ein. In Berlin verdichtet sich dieses Problem seit November 2025 sichtbar: Die Boxhagener Straße in Friedrichshain wird nach einer Trasseinstellung nie wieder von einer Straßenbahn befahren. Der ÖPNV-Ausfall wird so zur stillen Subventionierung des Taxi- und Mietwagenmarkts, ohne dass dies politisch verhandelt wird.
Der Befund ist auf Hamburg übertragbar: Wo Haushaltskonsolidierung und Symbolpolitik den Verkehrssektor bestimmen, verschiebt sich die Last auf jene Anbieter, die rund um die Uhr verfügbar sind. Für Taxiunternehmer in der Hansestadt empfiehlt es sich daher, die Programme zur nächsten Legislaturperiode nicht allein auf Tariffragen zu lesen, sondern auf Indikatoren für die Leistungsfähigkeit und Finanzierung des Nahverkehrs. Die Berliner Diagnose – Stillstand als politisches Programm – wird hierzulande bislang nur leiser verhandelt, ist aber strukturell angelegt.